Ein Bericht über den Kreishandwerksmeister Alfred Wenz zum Thema Nachwuchs, die neuen Ideen seiner Tochter in der Bundenbacher Backstube und die Vorteile der Innungsmitgliedschaft.

BUNDENBACH/BAD KREUZNACH. Gebacken hat Melina Klaar schon immer gern, Kuchen und Torten mit Oma Marita. Bäckerin – das war ihr Berufswunsch. Erst mal Schule, erst mal Abi, dann weitersehen. So ließ sie sich zur schulischen Oberstufe überreden. Aber im November hat sie sich umentschieden, die Schule beendet und von von heute auf morgen eine Bäckerlehre begonnen. Morgens um 3 aufstehen und um 4 Uhr in der Backstube von Jenny und Alfred Wenz in Bundenbach antreten: Das ist für die 16-Jährige viermal die Woche angesagt, die hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Dazu kommen zwei Berufsschultage in Bad Kreuznach. Auch da ist sie um 5 Uhr auf den Beinen, um mit Bus und Zug nach Kreuznach zu fahren und um 7.30 Uhr anzutreten.

Zusammen mit den Fachverkäuferinnen sind’s gerade mal zwei Bäckerlehrlinge aus der Region. Obermeister Alfred Wenz (67) bedauert das, wünscht sich mehr Nachwuchs für sein Fach, fürs handwerkliche Backen des täglichen Brotes. Da gehört der nach außen stets optimistische und gut gelaunte kürzlich einstimmig für vier weitere Jahre bestätigte Obermeister zu den offensivsten Werbeträgern seiner Zukunft. Und zwar im ganzen rheinischen Gebiet bis nach Münster – ein riesiges Gebiet.

Früher hatte jedes Dorf seinen Bäcker, die Backeswanderungen erinnern im Kirner Land daran. Und heute: Aufbacköfen in den Discountern suggerieren Frische. Diese Debatte will Alfred Wenz heute gar nicht führen. Er wirbt vielmehr dafür, die Region im Auge zu behalten, möglichst Qualitätszutaten nach dem Motto „SooNahe“ zu nutzen, das Handwerk hochzuhalten. Da kommt die Auszubildende Melina recht.

Ihr Beispiel zeigt: Du kannst jederzeit in einen Handwerksberuf einsteigen. Von heute auf morgen. Ihre Familie, besonders Opa Josef, begrüßt den Schritt. Auch die Freunde finden’s gut. Natürlich muss man schulisch was draufhaben, sagt Jenny Wenz, die im vergangenen Jahr die elterliche Bäckerei übernahm. Sie macht gerade den Meisterbrief, Papa und Bäckermeister Alfred Wenz ist als Betriebsleiter an Bord.

Ja, die schulischen Leistungen sollten schon stimmen. Bei Melina ist das kein Problem. Sie strebt an, die Lehre in zweieinhalb Jahren (also verkürzt) abzuschließen. Wenn’s klappt, ist das ein Beispiel, wie es Alfred Wenz als Kreishandwerksmeister auch für andere Innungen propagiert: „Leute, macht eine Ausbildung im Handwerk, bildet euch weiter, macht dann die Meisterprüfung. Dann könnt ihr immer noch studieren. Gerade dann!“ Wer seinen Handwerksmeister vorzeigen kann, hat die Studienberechtigung. Ein Fach zu studieren, das man praktisch beherrscht, in dem man gearbeitet hat, das fällt vielleicht gar leichter als ein Fachstudium nach 13 Jahren Schule.

Für Melina ist erst einmal Lehrzeit angesagt. Was Azubis halt so tun in den ersten Wochen. Zuschauen, lernen, überall zur Hand gehen, wo es fehlt, Fontanieren (Zuckerguss auftragen) und vieles mehr. In ihrer Backstube geht’s sprichwörtlich rund. Ja, es gefalle ihr, sagt Melina. Sie fühlt sich bestätigt, kommt mit dem Team und dem Frühaufstehen gut klar. Sie hat es nur ein paar Hundert Meter zum Arbeitsplatz. Das ist für viele andere Jugendlichen, die vielleicht Bäcker werden wollen, ein schwieriges Unterfangen. Wie sollen 16-Jährige morgens um 4 Uhr nach Bundenbach kommen, wenn nicht mit eigenem Fahrzeug oder den Eltern als Fahrdienst. Da kann man viel über Bus und Bahn schwadronieren, Individualverkehr verteufeln. Auf dem Land wird das nix.

Das wissen Jenny und Alfred Wenz nur zu gut. Sie haben ihren Schwerpunkt klar auf „Individuallieferung“ verlegt und sind in Corona-Zeiten gut damit gefahren. Insgesamt 15 Leute arbeiten in der und für die Bäckerei. Zwei Lieferwagen bringen Backwaren zu den Kunden in den Dörfern. Und nicht nur Backwaren. In der Lockdown-Zeit war es für viele ein Segen, dass der Bäcker auch Dinge des täglichen Bedarfs mitbrachte. Nicht nur Wurst und Nudeln, sondern auch mal Klopapier, wenn’s nötig war.

Der Umsatz sei sogar leicht gestiegen, freuen sich die Bäcker, wissen aber, dass es ein täglicher Kampf bleibt, gerade jetzt mit der anziehenden Inflation. Das Mehl wurde um ein Drittel teurer, Sprit für die Lieferfahrzeuge, Strom und Öl, alles legt zu. Aber der sprichwörtliche Optimismus von Alfred Wenz steckt an. „Brotgeruch, das ist doch der Urduft der Düfte“, sagt er so nebenher. Und tatsächlich: Man kommt gestresst von Corona und vom miesen Wetter in die Backstube und atmet mal durch. Brot und Kuchen, eine Tasse Kaffee: Schon ist der Tag gerettet.

Es ist halb neun, in der Backstube wird geputzt. Was an Mehl und Körnern auf dem Boden liegt, zusammengekehrt. „Das haben früher die Wuzze gekriegt“, sagt Alfred Wenz und lacht. Die Mannschaft ist müde geschafft, die Autos sind unterwegs. Bis vor kurzem sechs mal die Woche, jetzt nur noch fünfmal. Da hat sich die Chefin durchgesetzt, hat Dienstag zum Ruhetag erklärt. „Wir waren ja nie komplett“, sagt sie als Begründung. Immer hatte einer frei. Schließlich gilt für die Angestellten die Fünf-Tage-Woche. Für die Chefin galt das nicht, die dann aushelfen musste. Der Dienstag war im Verkauf der schwächste Tag, den hat man auf Montag und Mittwoch mit verteilt. „Sie fragt, Papa, wie hättest du das gemacht, aber die Entscheidung trifft dann sie“, sagt Altmeister Wenz und gibt zu, dass er skeptisch war, dass die Zahlen die Entscheidung aber bestätigen. Schon als es darauf hinauslief, dass Jenny die Bäckerei übernimmt, war klar, dass das Ladenlokal in Kreuznach zugemacht wird. Da fuhr Wenz jahraus, jahrein morgens mit dem Lieferwagen von Bundenbach nach Kreuznach. „Voll aufgeblendet durch die Dörfer“, erinnert er sich an die Raserei in einer halben Stunde. Geschichte.

Handwerkliche Bäckerbetriebe werden hoffentlich nie Geschichte, setzt er auf Optimismus, wenngleich er weiß, dass es das Handwerk schwer hat. Als er am 24. März 1999 Bäcker-Obermeister wurde, gab es im Kreis Bad Kreuznach 56 Innungsbetriebe. Heute sind es 34 mit Option auf zwei weitere Betriebe, also 36 in den Kreisen Kreuznach, Simmern und Birkenfeld zusammen. Ja, es ging rein zahlenmäßig abwärts mit den Bäckereien. Aber Altmeister Wenz ist zuversichtlich. „Morgenstund hat Gold im Mund“, wirbt er für seinen Stand. Die Entscheidungen, die Politiker nach Marathonsitzungen morgens um 3 Uhr fällen, stellt er infrage. Da solle man lieber die Bäcker fragen, die seien morgens um 3 Uhr hellwach, wenn Entscheidungen von Tragweite anstehen.

Wenz hat stets viel in neues Backwerk investiert, mit Stollen 2021 erneut ein Rekordjahr hingelegt. Das Unternehmen hat viele Kunden beliefert, die Stollen als Weihnachtsgeschenke anbieten. Und Neujahrsbrezel, die seit Jahren für Ministerpräsidentin Malu Dreyer gebacken werden, machen ja auch Arbeit. Aber ohne Fleiß kein Preis. Die nächsten Ideen warten schon. Wenn Konzept und die Qualität stimmen, was soll denn da schiefgehen ist sich Alfred Wenz sicher.

Foto: Kreishandwerksmeister und Obermeister der Bäcker-Innung Rhein-Nahe-Hunsrück Alfred Wenz, Auszubildende Melina Klaar und die Chefin der Backstube Jennifer Wenz-Petry.

Quelle: Armin Seibert

 

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