Bad Kreuznach. Ukrainekrieg, Energiekrise, Material- und Personalmangel bestimmen die Schlagzeilen. Die Industrie fordert und erhält Unterstützung. Und wie sieht es mit den Kleinen aus, dem Mittelstand, dem Handwerk? Im Bereich der Kreishandwerkerschaft Rhein-Nahe-Hunsrück (KHS) sind in den drei Kreisen Bad Kreuznach, Rhein-Hunsrück und Birkenfeld fast 1000 Betriebe organisiert. Sie kämpfen genauso wie Großkonzerne derzeit ums Überleben. In 45 Jahren Handwerksbäckerei habe er eine solche Preissteigerung noch nicht erlebt, sagt Kreishandwerksmeister und Bäckermeister Alfred Wenz zur Inflation auf breiter Front. Sei es Butter, sei es Mehl, Öl, Gas oder Strom. Beim Thema Strom hat die Kreishandwerkerschaft ganz aktuell einen guten Vertragsabschluss mit den Bad Kreuznacher Stadtwerken ausgehandelt. Die zum Jahresende auslaufende Rahmenvereinbarung  mit den im „Strompool“ zusammengeschlossenen Betrieben wurde jetzt mit angepassten Konditionen für 2023 und 2024 neu vereinbart. Es gibt zwar deutliche Preissteigerungen, aber auch Sicherheit und bessere Bedingungen, als sie einzelne Kunden erreichen können. Bei EON ist man bis Ende 2023 abgesichert. „Was dann kommt ist offen“, sagt Gerhard Schlau.

Die Sorgen und Nöte der Handwerksbetriebe schlagen täglich auch bei Geschäftsführerin Silke Dittrich auf. Die Juristin ist von der Ausformulierung von Arbeitsverträgen bis hin zu Rechtsstreitigkeiten aktuell sehr stark gefragt. Konkret konnte man einer Bäckerei helfen, deren Stromvertrag zum Jahresende 2021 für Haus, Café und Bäckerei gekündigt worden war, ohne dass das versprochene neue Angebot nachgereicht wurde. Der Betrieb glitt in die Grundversorgung, die stark verspätete Rechnung wies für die ersten drei Monate 2022 mehrere 1000 Euro Nachzahlungen aus. Der Betrieb wandte sich mit Erfolg an die KHS. Dittrich macht deutlich, dass die Handwerkerschaft auf allen Ebenen um Unterstützung kämpfen muss.  Kleinbetriebe seien bislang von den politisch zugesagten Entlastungspaketen ausgenommen. Es sei Lobbypolitik, wenn etwa Gasversorger ihre Kosten weitergeben dürften, das Handwerk aber nicht.  Beim Thema Nachbesserung will man dranbleiben, betont auch der vorsitzende Kreishandwerksmeister Alfred Wenz und nennt als ein Beispiel die Errichtung eines Dachstuhls oder Dachdeckerarbeiten.  Wenn durch Rohstoffmangel die Ausführung im Zeitplan nicht möglich sei, dann müsse eine preisliche Nachbesserung möglich sein.  Angebote seien nicht aufrecht zu erhalten, wenn sich etwa Holzpreise in kürzester Zeit von 300 auf über 1000 Euro verdreifachen oder im Elektrobereich monatlich bis zu 30 Prozent Aufschlag verlangt werden. „Auch wir Handwerker brauchen eine Deckelung bei Gas und Strom, damit überhaupt eine Angebotskalkulation möglich ist,“ sagt Wenz. Er ist sich mit seiner Geschäftsführerin darin einig, dass es Mitnahmeeffekte und Spekulationen auf Grundnahrungsmittel nicht geben darf. Silke Dittrich bedauert, dass es solche massiven Preissteigerungen aktuell nur in Deutschland gibt. Elitäre Kreise machten sich die Taschen voll, sagt sie. Dass Lebensmittel teurer werden, weil Bauern mehr Aufwand haben, steht für Alfred Wenz außer Frage. Die Tonne Stickstoff koste statt bisher 200 nun über 1000 Euro, und Dünger sei nun mal die Basis landwirtschaftliche Produkte. Dennoch seien die aktuellen Preissprünge im Handel nicht nachvollziehbar. So wie Bäcker und Metzger könnten auch Metallbauer ihre enorm gestiegenen Energie- und Materialpreise nicht einfach an Kunden weitergeben. Wenz: „Ein Brot für 8 Euro kann man nicht mehr verkaufen.“

Somit ist für die die Kreishandwerkerschaft und ihre Innungsbetriebe klar: Auch wir müssen unter den Rettungsschirm. Da sei auch die Politik vor Ort,  auf  Kreis- und Landesebne  gefordert, ein Hilfspaket für den Mittelstand einzufordern. Lösungen gegen Nahrungsmittel-Spekulationen gebe es durchaus, erinnert Silke Dittrich an Nachkriegszeiten. Trotz der angespannten Lage sind sich Silke Dittrich, Gerhard Schlau und Alfred Wenz aber einig in der Einschätzung: Ja, das Handwerk in der Region hat  goldenen Boden. Schließlich werde 90 Prozent der Wirtschaftsleitung vom Mittelstand gestemmt.  Bei Ausbildungsmessen will man deshalb weiterhin verstärkt um Nachwuchs fürs Handwerk werben. Was spricht gegen das Handwerk? stellen die KHS-Fachleute die für Schüler oft entscheidende Frage und wissen die Antwort: Meist sind es die Eltern und die Lehrer. Trotz Krieg und Energiekrise sind die Berufs- und Karrierechancen für Handwerker-Azubis aber gut bis sehr gut.

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Der vorsitzende Kreishandwerksmeister Alfred Wenz und die Geschäftsführerin Silke Dittrich und Gerhard Schlau sind trotz der angespannten Lage optimistisch, dass die fast 1000 Innungsbetriebe innerhalb der Kreishandwerkerschaft in solidarischer Gemeinschaft und politischer Unterstützung die Region Rhein-Nahe-Hunsrück nachhaltig voranbringen können. Nach wie vor gelte: Das Handwerk hat goldenen Boden!

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